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Der schweizerische ärzteeigene Datenpool
Seit der Einführung des Arzttarifs Tarmed sammeln die frei praktizierenden Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz Daten. Daraus hat sich ein vielfältiges Geflecht von Datenströmen verschiedenster Akteure entwickelt. Wir stellen die wichtigsten Protagonisten vor und schaffen Transparenz im komplexen System.

 

Die Arztpraxis

Heute erfassen Arztpraxen ihre erbrachten Leistungen mehrheitlich elektronisch. Einige von ihnen verwalten auch die Krankengeschichten digital. Dabei sammeln und speichern Arztpraxen grosse Mengen von Daten. Daten über medizinische Behandlungen, über angeordnete Therapien, über verschriebene Medikamente oder über in Rechnung gestellte Leistungen.

Im Vorfeld der Einführung des nationalen Arzttarifs Tarmed 2004 hat die Ärzteschaft die Wichtigkeit eigener Daten erkannt und entsprechende Grundlagen geschaffen. Und seit dem 1. Januar 2009 ist sie gemäss Art. 22 a KVG auch de jure dazu verpflichtet, dem Bund Daten zu liefern. Um ohne grossen Zusatzaufwand dieser Pflicht nachkommen zu können, haben Ärzte mit IT-Partnern Computerprogramme entwickelt, die sich in die Abrechnungssoftware der Arztpraxis integrieren lassen. Dazu schliessen Ärzte und Ärztegesellschaften mit Trustcentern, NewIndex oder der Ärztekasse Verträge ab. Meist fordern kantonale Ärztegesellschaften ihre Mitglieder zur Teilnahme an der Datenlieferung auf – mit Erfolg: Inzwischen sammeln rund 6 von 10 frei praktizierenden Ärzten oder rund 9'500 Arztpraxen Daten und leiten diese auf verschiedenen Wegen weiter. Der Datentransfer ist vergleichsweise einfach wie effizient. Ist der Arzt an ein Trustcenter angeschlossen, kann er – dank der auf seinem Computer installierten Software – jede Rechnung kopieren, anonymisieren und verschlüsseln lassen. Dies geschieht aber nicht automatisch. Der Arzt muss seine Daten bewusst ins Datennetz einspeisen. Dazu genügt ein einfacher Klick am Computer. Bei anderen Systemen wie der rollenden Praxis-Kostenstudie RoKo muss der Arzt sich anmelden und die Daten in ein Erhebungsmodul eintragen. So oder so: Von der gezielten Auswertung dieser Daten profitieren Ärzte und Ärztegesellschaften gleichermassen. Als oberstes Prinzip gilt die individuelle Datenhoheit: Ärzte behalten stets die Kontrolle über ihre Daten. Sie entscheiden, was mit ihnen geschieht und wer darauf zugreifen darf.

 

Die Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften KKA, der Dachverband aller 24 kantonalen Ärztegesellschaften

Die KKA koordiniert die Anliegen der Kantonalgesellschaften, ohne dass sie deren Eigenständigkeit beschneidet. Die KKA vertritt die gemeinsamen kantonalen Interessen der Ärztinnen und Ärzte in Vertrags- und Tariffragen gegenüber Partnern im Gesundheitssektor. Sie verhandelt mit den Tarifpartnern über Empfehlungen für Tarifanpassungen bei den kantonalen Taxpunktwerten. Aktuell hat die Ärzteschaft mit tarifsuisse ag (vormals santésuisse) und der Einkaufsgemeinschaft HSK zwei Tarifpartner. Mit der tarifsuisse ag wird eine Nachfolgelösung für die Leistungs- und Kostenvereinbarung LeiKoV erarbeitet. Die Vereinbarung ist seit 2005 in Kraft und schreibt fest, dass Tarifverhandlungen nicht nur nach dem Gesichtspunkt der Entwicklung der Gesundheitskosten zu führen sind. Bei der Beurteilung sollen auch medizinische Leistungen, demografische Veränderungen der Gesellschaft oder medizinischer Fortschritt berücksichtigt werden. Dazu braucht es valide Daten über die ambulante medizinische Versorgung des Landes. Diese hatten die Vertreter der Ärzteschaft lange Zeit nicht. Krankenversicherer ihrerseits werteten Daten der Versicherten aus und brachten sie als Argumentationsgrundlage in die Verhandlungen mit ein. Ohne eigene Daten konnten Ärztegesellschaften ihre Anliegen gegenüber den Versicherern nicht wirksam vertreten. In Zusammenarbeit mit den von den Ärztegesellschaften mandatierten Trustcentern und mit der Ärztekasse konnte die Ärzteschaft Datenparität herstellen und ihre Verhandlungsposition stärken. Ärztegesellschaften beauftragen ihre Trustcenter, Daten zu erheben und durch NewIndex gezielt auszuwerten. Der Vorteil: Unterstellungen wegen ungerechtfertigter medizinischer Mengenausweitung können so rasch entkräftet werden. Mehr noch: Erstmals haben die Tarifpartner dieses Jahr gegenseitig Daten ausgetauscht. Die KKA und die Einkaufsgemeinschaft HSK haben damit Transparenz und Vertrauen geschaffen. Auf dieser Basis wollen Ärzte und Versicherer einen neuen Preisbildungsmechanismus entwickeln und vertraglich regeln, wie ab 2016 Taxpunktwertempfehlungen vorgenommen werden sollen.

 

Trustcenter

Schweizweit sammeln heute zehn verschiedene Trustcenter Abrechnungsdaten von ihnen angeschlossenen Ärztinnen und Ärzten aus allen Landesteilen. Mittlerweile speichern sie über 150 Millionen elektronische Rechnungen. Jedes Jahr kommen rund 10 Millionen neue Rechnungen dazu. Im Auftrag der kantonalen Ärztegesellschaften bauen sie eigene Datenbanken auf und erstellen Statistiken. Die Daten der Trustcenter und die Auswertungen der NewIndex sind heute unverzichtbare Grundlagen. Sie liefern Argumente in Verhandlungen mit den Kostenträgern, den Bundes- und Kantonsbehörden und dienen der Versorgungsforschung. Trustcenter beraten Ärztinnen und Ärzte individuell und zeigen, wie sich administrative Abläufe in Praxen optimieren lassen und wie Umsatz- und Abrechnungsdaten zu interpretieren sind: Der Praxisspiegel zum Beispiel ermöglicht jedem Mitglied ein Benchmarking mit den Kolleginnen und Kollegen der gleichen Fachrichtung im gleichen Kanton und der ganzen Schweiz. Damit kann er die eigene Tarifanwendung mit Kolleginnen und Kollegen vergleichen. Der Praxisspiegel hat sich bewährt. Immer wieder hilft er, Wirtschaftlichkeitsklagen der Krankenversicherer zu klären.

 

NewIndex

NewIndex ist zu 100 % im Besitz der kantonalen Ärztegesellschaften, der FMH und der Ärztekasse. Sie ist ein Think Tank der Schweizer Ärzteschaft und berät Ärzteorganisationen in standespolitischen, tarifarischen und datentechnischen Anliegen. NewIndex wertet die ärzteeigenen Daten im Auftrag der Ärzteschaft aus und erstellt Studien zu gesundheitsökonomischen Fragen. NewIndex steht am Ursprung der ärztlichen Datenerhebung. Sie wurde im Jahr 2000 gegründet und entwickelte das Konzept der Trustcenter und koordinierte deren Aufbau. NewIndex hat mit jedem Trustcenter einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. NewIndex und die Trustcenter sind technisch über ein gemeinsames IT-System verbunden. Bei NewIndex laufen die Datenströme der zehn Trustcenter zum nationalen Datenpool der Schweizer Ärzteschaft zusammen. Im nationalen Datenpool werden die Daten anonymisiert, statistisch aufbereitet und gezielt ausgewertet. Mit ihren Analysen und Modellen unterstützt NewIndex die beiden nationalen Standesorganisationen KKA und FMH unter anderem bei Tarifverhandlungen und der Revision der Tarifstrukturen des Tarmed. Konkret: Bei LeiKoV-Verhandlungen analysiert NewIndex die von den Krankenversicherungen gelieferten Daten und vergleicht sie mit den eigenen Zahlen. Wo Unterschiede zwischen den Datenstämmen der Tarifpartner herrschen, sucht sie nach Erklärungen und zeigt Differenzen auf. Dem Ressort Tarife / Verträge der FMH liefert NewIndex Mengendaten. Kantonalen Ärztegesellschaften und medizinischen Fachgesellschaften stellt sie nach Wünschen massgeschneiderte Datenanalysen zusammen. Aber auch kantonale und nationalen Gesundheitsbehörden, wissenschaftliche Institute und weitere Gesundheitsorganisationen fragen immer häufiger Dienstleistungen von NewIndex nach. NewIndex legt grössten Wert auf Datenschutz: Ein Gremium wacht über die sorgsame Verwendung der gelieferten Daten und stellt sicher, dass Studien und Publikationen den geforderten Qualitätsstandards genügen, dass sie den Kodex einhalten und die Interessen der Datenlieferanten wahren.

 

Ärztekasse

1964 gründeten visionäre Schweizer Ärzte die Ärztekasse. Die standeseigene Genossenschaft unterstützt Ärztinnen und Ärzten mit eigener Praxis beim Auslagern und Professionalisieren administrativer Aufgaben. Ihre Ziele sind aktueller denn je: Die administrativen Aufgaben werden immer umfangreicher und belasten die Arztpraxen. Die Dienstleistungen der Ärztekasse erlauben es den Ärztinnen und Ärzten sich auf ihre Kernkompetenzen in der medizinischen Versorgung ihrer Patienten zu konzentrieren. Das Rechenzentrum der Ärztekasse in Genf arbeitet mit höchsten Sicherheitsstandards. Im Jahr werden über 8 Millionen Rechnungen und eine Million Mahnungen bearbeitet, ausgedruckt und verschickt. Ein weiterer Schwerpunkt der Ärztekasse ist die elektronische Datenbearbeitung und -übermittlung. Die Ärztekasse entwickelt für ihre Kunden branchenspezifische Software. Mit ihrem Knowhow und ihren innovativen Ideen unterstützt die Ärztekasse die Ärzteschaft massgeblich bei der Optimierung des ärzteeigenen Datenpools und ermöglicht zusammen mit den Trustcentern und der NewIndex die datenbasierten Argumentationen für die Tarifverhandlungen der Ärzteschaft mit den Versicherern, dem Bund und kantonalen Behörden. Eines der Projekte der Ärztekasse zur Datenerfassung ist die rollende Praxis-Kostenstudie RoKo, welche auf die betriebswirtschaftlichen Aspekte einer Arztpraxis fokussiert.